Podcasts als Format zur Wissenskommunikation

 


Von Michael Pelzer // 4. Mai 2018


Im letzten Blogbeitrag hatte ich aus einem Proseminar zur Wissenskommunikation in Radiosendungen und Podcasts berichtet. In Fortsetzung hierzu möchte ich in diesem Beitrag einige konkretere Beobachtungen zur Rhetorik der Wissensvermittlung in Podcasts vorstellen.

Podcasts – das sind digitale Audiodateien, die im Internet öffentlich verfügbar gemacht werden. In vielen Aspekten gleichen Podcasts einer Radiosendung, können jedoch auch orts- und zeitunabhängig angehört werden; eine Art »Radiosendung à la carte« also.

Nicht zuletzt Podcasts zu Wissens- und Wissenschaftsthemen erleben dabei seit einiger Zeit einen Boom – und das besonders im englischen, aber auch im deutschsprachigen Bereich. Die Vielfalt, Zugänglichkeit und Flexibilität des Podcast-Formats scheint also nicht nur den aktuellen Zeitgeist zu treffen, sondern auch sehr gut auf den Bereich der Wissensvermittlung zu passen.

Doch was genau fällt eigentlich auf, wenn man Wissenspodcasts aus rhetorischer Perspektive analysiert – und damit verbunden die Frage stellt:

Was macht erfolgreiche Wissenskommunikation in Podcasts aus?

Zunächst fallen viele der allgemeinen Gestaltungstipps und Einsichten ins Auge, die in ähnlicher Weise auch für andere Formate der Wissenskommunikation gelten: etwa, dass gelungene Wissenspodcasts in der Regel das Vorwissen und die Fähigkeiten der Adressaten berücksichtigen, Anknüpfungspunkte an bekannte Wissensstrukturen nutzen und subjektiv bedeutsame Themen und Probleme aus der Lebenswelt der Hörer als Aufhänger verwenden.

Im Vergleich zu Präsentationen, die Sprache und Visualisierung eng verbinden können und eine direkte »face-to-face« Kommunikation erlauben, sind Podcasts als Medium allerdings auch mit einigen besonderen Eigenarten und Widerständen verbunden: darunter etwa die Reduktion auf den sprachlichen Kanal und die »Entkopplung« zwischen dem Zeitpunkt der Aufnahme und den diversen Zusammenhängen, in denen die Adressaten den Podcast letztlich abrufen (und hören) können. Es braucht also mitunter gezielte Techniken und Strategien, um den speziellen Merkmalen und Gebrauchskontexten des Mediums Podcast gerecht zu werden.

Bilder für die Ohren: Sprachliche Anschaulichkeit

Bei einem Medium, das auf Kommunikation durch Sprache und hörbare Sinneseindrücke setzt, ist die sprachliche Gestaltung besonders wichtig: Grundlegende Gestaltungstipps wie die Verwendung verständlicher Sprache oder das Vermeiden von Schachtelsätzen und Passivkonstruktionen spielen bei Podcasts eine große Rolle. Besonders spannend wird es aber im Bereich der Erzeugung von Anschaulichkeit: Da nicht auf visuelle Darstellungen zurückgegriffen werden kann, ist ein bildlicher, lebendiger und die Vorstellungskraft anregender Stil für Podcasts ausgesprochen wichtig.

So fiel uns etwa im stark am Interviewformat orientierten Science Friday Podcast auf, dass die Gesprächspartner häufig eine auffällig detailliert beschreibende und lebendig veranschaulichende Sprache verwendeten. In Fällen, in denen dies einmal nicht unmittelbar gelang, unternahm Moderator Ira Flatow immer wieder aktive Versuche, seine Interviewgäste zum sprachlichen Schildern von Bildern anzuregen – oder das Gesagte selbst auf Metaphern, Vergleiche und Personifikationen zu übertragen. Andere, in der Art eines Radiofeatures mit größerem gestalterischen Einsatz aufbereitete Podcasts wie Terrestrial  verwendeten zudem musikalische Untermalungen und Geräuschaufnahmen, um lebendige Atmosphäre zu erzeugen.

»Science Telling«

Darüber hinaus scheinen narrative Strategien der Darstellung im Sinne eines »Science Telling« - also der Einbettung wissenschaftlicher Inhalte in Geschichten und Erzählungen – in Wissenschaftspodcasts besonders effektiv. Narrative Elemente sind traditionell eine überaus erfolgreiche Form der Wissensvermittlung: sie wecken Interesse, aktivieren Zuhörer und unterstützen das Verständnis. Durch den Wegfall der visuellen Ebene und die Präsenzentfremdung durch die mediale Zwischenspeicherung müssen Geschichten in Podcasts so erzählt und dargestellt werden, dass sie besonders zugänglich sind – das gilt für kleine, eingebettete Mini-Narrative in Antworten auf eine Interviewfrage ebenso wie für Formate, die ganz auf die Erzählung als Kerntechnik setzen.

Ein Podcast, bei dem das Mittel der erzählerischen Darstellung völlig in den Mittelpunkt rückt, ist etwa The Story Collider: Hier erzählen Wissenschaftler spannende und verblüffende, mitunter auch witzige und peinliche Geschichten oder Erlebnisse aus ihrer Forschungsarbeit. Story Collider greift dabei auf Mitschnitte aus monatlichen Liveshows zurück, in denen Wissenschaftler ihre Geschichten vor größerem Publikum präsentieren. Interessant: Das Format wird von Workshops begleitet, die Wissenschaftler in größerer Breite darin schulen, Storytelling erfolgreich in der Wissenschaftsvermittlung zu nutzen.

Redundanz statt Varianz

Im Bereich des strukturellen Aufbaus von Podcast-Sendungen kommt Techniken der Sequenzierung (also der angemessenen »Stückelung«, Anordnung und Gruppierung von Inhalten und Informationen) besondere Bedeutung zu. Das Zuhören ist ein linearer Prozess: Informationen werden aufgrund der bislang gegebenen Informationen verarbeitet. Daher sollte Notwendiges möglichst früh erklärt werden – und häufig bietet es sich an, mit Grundlageninfos und inhaltlichen Ankern zu beginnen, um kleinere Details später darin einbetten zu können.

Im Kern gibt es in diesem Bezug viele Parallelen zur Präsentation. Anders als bei Präsentationen können die Zuhörer beim Podcast allerdings keine direkten Nachfragen stellen und es gibt keine (unmittelbaren) Möglichkeiten für visuelle Strukturübersichten oder Übersichtsfolien, die das Zuhören erleichtern. Nicht zuletzt hören viele Nutzer Podcasts unterwegs oder „nebenbei“.

Die inhaltliche Strukturierung einer Science Podcast Sendung darf also auch auf bewusste Wiederholungen setzen, um wichtige Punkte nachdrücklich und zuverlässig zu vermitteln. Hier gilt also: Redundanz statt Varianz!

Aber keine Regel ohne Ausnahme: Geschickt eingesetzt können bewusst unklare Strukturen (wie etwa bei Radiolab) oder betont frei geführte Gespräche Interesse wecken und Spannung erzeugen.

Die Stärken des Formats nutzen: Vielfalt und Authentizität

Wie diese Einblicke zeigen, sind die Mittel und Wege, erfolgreiche Wissenskommunikation in Podcasts zu betreiben, so vielfältig wie deren Produzenten und Adressaten: Von Feature-Beiträgen bis hin zu einfachen »Audiologs« mit Forschungstagebuchcharakter ist alles möglich: aufwendige Gestaltungen sind eine Option, aber nicht notwendig – im Spezialfall von »conversational podcasts« reicht es gar, einfach eine Unterhaltung aufzuzeichnen.

Vor dem Hintergrund unserer immer komplexer werdenden Wissensgesellschaft bieten Podcasts als Format der Wissenskommunikation besondere Chancen: Ihre Stärken mit Blick auf vergleichsweise einfache und effiziente Möglichkeiten der Produktion und Nutzung sowie die starke Individualisierung von Inhalten und Herangehensweisen decken sich mit der rasanten Entwicklung unseres Wissens. So liefern Podcasts spannende und vielfältige Möglichkeiten, traditionelle Formate der Wissenskommunikation im Zeitalter der Digitalisierung zu bereichern.

Bild: © Jugend präsentiert


Michael Pelzer

Forschungsstelle // Universität Tübingen

 

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