MINT und Mädchen - über beabsichtigte und unbeabsichtigte Wirkungen


Christian Kleinert // 23. November 2017 


Wenn man eine Zeit im Bereich Bildung, Schule oder zumindest schulnahen Aktivitäten verbracht hat, dann merkt man schnell, dass auch der Bildungsbereich ebenso wie viele andere Felder Trendthemen unterworfen ist. Dabei wird hier schnell das zum Trend, was einen bestehenden Mangel aufgreift. Beispiele gefällig? Digitalisierung, Inklusion, MINT – die aus meiner Beobachtung zentralen Themen der letzten 15 Jahre. Ist der Trendzug jedoch einmal durchgerauscht, stellt sich schnell die Frage, was denn nun geblieben ist, wurden bestehende Probleme angegangen oder gar gelöst? Oder geht die Arbeit dann erst richtig los? Die Antwort ist schnell zu erraten: Kaum eine Woche vergeht, in der nicht neue Studienergebnisse, Umfragen bei Lehrerinnen und Lehrern oder zumindest steile Thesen aus dem politischen Raum dem Sektor Schule Mängel bescheinigen – auch in Bereichen, die bereits lange aus den Hotspots der Diskussion verschwunden sind. Der schwere Tanker Schule lässt sich eben nicht auf Knopfdruck stoppen und wenden.

Das gilt auch für das Thema MINT und Mädchen: Initiativen wie Komm mach MINT oder die Girls’ Days arbeiten schon lange daran, Mädchen und junge Frauen für die MINT-Fächer zu begeistern und können hier durchaus auch auf einen positiven Trend in den letzten Jahren verweisen. Auch wenn die absoluten Zahlen von Frauen in MINT-Studienfächern steigen, so haben die aktuellen Zahlen des OECD Bildungsreports 2017 (http://www.oecd.org/berlin/publikationen/bildung-auf-einen-blick.htm) nochmals gezeigt: Der Anteil der Mädchen und jungen Frauen, die nach dem Abschluss der Schule ein Studium im Bereich MINT aufnehmen, liegt rein anteilsmäßig mit 28 Prozent noch immer deutlich unter dem ihrer männlichen Altersgenossen und sogar noch leicht unter dem OECD-Schnitt von 30 Prozent. Die Gründe, warum es junge Frauen eher in die Geisteswissenschaften zieht, mögen vielschichtig sein.

Wenn man als Projektmacher Ideen für neue Vorhaben entwickelt, steht gleich am Beginn die Frage, welche Wirkung eigentlich mit dem Vorhaben erzielt werden soll. Danach richten sich dann Projektstruktur, Inhalte und Mechaniken, um bei seiner Zielgruppe den angestrebten Effekt zu erzielen. Bei Jugend präsentiert steht die Entwicklung der Präsentationskompetenz von Schülerinnen und Schülern in den MINT-Fächern im Fokus. Da es bei Planungen jedoch fast unmöglich ist, alle Variablen im Kopf zu haben, erlebt man im Ergebnis nicht selten Überraschungen – wenn man Glück hat auch positive: Jugend präsentiert hatte Glück!

Der Wettbewerb hat sich seit dem Start 2012 sehr gut entwickelt – von anfänglich bundesweit 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf zuletzt über 1200 in der letzten Wettbewerbsrunde. Dabei war schnell zu sehen, dass in jedem Jahr etwa 60 Prozent der Beiträge von männlichen und folglich nur 40 Prozent von weiblichen Teilnehmenden eingereicht wurden. Dies war vor dem Hintergrund der bekannten Zahlen für einen MINT-Wettbewerb eigentlich auch erwartbar und keine Überraschung. Offenbar fühlten sich die Jungen stärker angesprochen als die Mädchen. Doch dann konnten wir regelmäßig feststellen, dass bereits nach der ersten Auswahlrunde das Verhältnis zugunsten der Mädchen kippte. Die erste Stufe bei Jugend präsentiert ist der Videowettbewerb, aus dem die etwa 250 besten Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausgewählt und zu einer Qualifikation eingeladen werden. Bereits bei dieser Auswahl schnitten die Mädchen jeweils besser ab, so dass sich das Geschlechterverhältnis umkehrte und nun 60 Prozent Mädchen und nur noch 40 Prozent Jungen im Wettbewerb verblieben. Verstärkt wurde der Effekt weiter durch die Einführung der Qualifikationsrunden 2014. Dort müssen die Schülerinnen und Schüler ihr bereits als Video eingereichtes Thema nochmals vor einer Jury vorstellen. Auch hier gelingt es den Mädchen offenbar besser, ihre Themen zu vermitteln, so dass sich der Effekt weiter verstärkt. Beim letzten Bundesfinale waren von 137 Teilnehmenden genau 102 Mädchen, was einer Quote von 74 Prozent entspricht. Und damit nicht genug: Auch in der Spitze wissen die Mädchen zu überzeugen und konnten in den letzten drei Jahren den Bundessieg erringen.

Ob sich hier das kommunikative Talent der Mädchen Bahn bricht, sie in ihren Präsentationen vielleicht überzeugendere Bilder und Vergleiche finden, ihre Argumente besser aufbauen – das wäre spannend zu untersuchen. Wichtig bleibt für uns jedenfalls die Feststellung, dass wir mit Jugend präsentiert sehr viele Mädchen erreichen und sie sich mit einer Teilnahme intensiv mit MINT-Themen beschäftigen. Und das wichtigste: dabei haben sie offenbar auch jede Menge Spaß.

Bilder: © Gerhard Kopatz für Jugend präsentiert


Christian Kleinert

Projektbüro // Wissenschaft im Dialog