Fünf Fragen an Julia Schallenberg vom Institut für Bildung und Kommunikation der TU Berlin


Von Kai Liese // 27. März 2018


Julia Schallenberg ist am Institut für Bildung und Kommunikation der TU Berlin Lehrkraft für den Bereich Deutsch als Zweitsprache und Sprachbildung. Kai Liese hat mit ihr über die Wichtigkeit von Sprachbildung im Unterricht, Ansätze der Integration von Sprachbildung in den Fachunterricht und die Bedeutung von Sprachbildung beim Thema Präsentation gesprochen.

Du unterrichtest an der TU Berlin Deutsch als Zweitsprache (DaZ)/Sprachbildung? Würdest du deine Arbeit weiterhin unter dem Bereich DaZ fassen oder geht es nicht viel mehr um umfassendere Sprachbildung?

Die Berliner Universitäten haben bereits 2007 mit der Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem verpflichtende DaZ-Module für alle Lehramtsstudierenden eingeführt. Von 2014 bis 2017 haben die Humboldt Universität, die Freie Universität und die Technische Universität gemeinsam das Projekt „Sprachen-Bilden-Chancen: Innovationen für das Berliner Lehramt“ umgesetzt, in dem die Lehrkräftebildung in diesem Bereich weiterentwickelt wurde. Ein Schwerpunkt war es, die Lehre stärker auf Sprachbildung in allen Fächern zu fokussieren. Ziel einer durchgängigen Sprachbildung ist es, die bildungs- und fachsprachlichen Kompetenzen aller Schülerinnen und Schüler - nicht nur der mit Deutsch als Zweitsprache - zu verbessern und sprachliches Lernen mit fachlichem Lernen zu verknüpfen. Die Besonderheiten einer mehrsprachigen Sprachaneignung und die Berücksichtigung von Mehrsprachigkeit im Unterricht bleiben aber Bestandteil der Lehre. Insbesondere durch die hohen Zahlen neu zugewanderter Schülerinnen und Schüler, die nun von den „Willkommensklassen“ in die Regelklassen wechseln, bekommt der Fokus auf DaZ eine neue Relevanz. Viele Kinder mit DaZ aber auch monolingual deutschsprachige Kinder wachsen in Familien auf, in denen wenig gelesen wird und eine sehr einfache Sprache verwendet wird. So haben wir es in den Kitas und Grundschulen mit einer hohen sprachlichen Heterogenität zu tun und die Schulen haben es lange Zeit versäumt adäquat darauf zu reagieren. An den Berliner Universitäten bilden wir angehende Lehramtsstudierende aller Fächer heute im Sinne der durchgängigen Sprachbildung aus, deren Ziel es ist, die bildungs- und fachsprachlichen Kompetenzen aller Schülerinnen und Schüler zu verbessern und sprachliches Lernen mit fachlichem Lernen zu verknüpfen. Die Besonderheiten einer mehrsprachigen Sprachaneignung und die Berücksichtigung von Mehrsprachigkeit im Unterricht bleiben aber Bestandteil der Lehre. Insbesondere durch die hohen Zahlen neu zugewanderter Schülerinnen und Schüler, die nun von den „Willkommensklassen“ in die Regelklassen wechseln, bekommt der Fokus auf DaZ eine neue Relevanz.

Du selbst unterrichtest Lehramtsstudierende des Faches Wirtschaft-Arbeit-Technik und der Beruflichen Bildung. Warum ist es wichtig, dass sich zukünftige WAT-Lehrkräfte mit Sprachbildung beschäftigen?

Das Fach WAT besteht aus sehr unterschiedlichen Teilbereichen und ebenso facettenreich sind die sprachlichen Anforderungen, die die Schüler und Schülerinnen im Unterricht bewältigen müssen. Die Schülerinnen und Schüler müssen Arbeitsanweisungen verstehen, einen Arbeitsplan erstellen, sich anhand von Sachtexten, Schaubildern und Internetrecherchen Informationen einholen, sich in Kleingruppen absprechen und im Anschluss ihre Arbeitsprozesse beurteilen und dokumentieren. Spätestens im Praxissemester merken unsere Studierenden, wie wichtig es ist, die Schüler und Schülerinnen bei der Bewältigung dieser Sprachhandlungen zu unterstützen.

Welche Ansätze gibt es, Sprachbildung in den Fachunterricht zu integrieren?

Der wohl bekannteste didaktisch-methodische Ansatz zur Gestaltung eines sprachbildenden Unterrichts ist das von Pauline Gibbons entwickelte Scaffolding. In der Lehrkräfteausbildung liegt hierauf unser Schwerpunkt. Bei der Unterrichtsplanung nach Scaffolding werden sowohl fachliche als auch sprachliche Lernziele definiert. Die Anforderungen liegen ein Stück über den vorhandenen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler. Damit die Aufgaben dennoch bewältigt werden und die Schüler zu einem positiven Lernerlebnis kommen, werden Zwischenschritte und Hilfsmittel wie Wortschatzlisten, Lesestrategien oder Methoden zur Textstrukturierung ergänzt. Ebenfalls in den USA wurde das Konzept SIOP (Sheltered Instruction Observation Protokoll) entwickelt. Es besteht aus einem Leitfaden für die ganzheitliche Planung und Durchführung eines sprachbildenden Unterrichts und wird von einigen Studierenden als sehr hilfreich empfunden. Daneben gibt es noch viele spezifische Ansätze zur Förderung der Lese- oder Schreibkompetenz, zur handlungsorientierten Sprachbildung an Berufsschulen, zur Einbindung von Mehrsprachigkeit in den Unterricht oder zur Entwicklung von Registerkompetenz. Vermehrt werden in Berlin zudem bilinguale Unterrichtskonzepte umgesetzt. Neben den Bilingualen Schulmodellen bieten immer mehr Schulen z.B. Geschichtsunterricht oder Mathematik auf Englisch oder Spanisch an. Ziel ist es, bildungssprachliche Kompetenzen in mehreren Sprachen zu entwickeln.

Wie können Lehrkräfte z.B. im Physikunterricht konkret ihre Schülerinnen und Schüler sprachbezogen unterstützen?

Unterrichtsplanung ist ja immer sehr komplex und verlangt viele Teilkompetenzen. Die Gefahr ist, zu denken, bei Sprachbildung wäre das anders und es genügt, wenn ich ab und zu ein paar Wortlisten auf meinen Arbeitsblättern ergänze. Auch Physiklehrkräfte sollten die Sprachkompetenzen ihrer Schülerinnen und Schüler einschätzen können, um zu wissen, in welchen Bereichen sie Unterstützung benötigen. Bei der Unterrichtsplanung müssen sie erkennen, wo sich sprachliche Herausforderungen ergeben. Das kann im Physikunterricht z.B. die Versuchsbeschreibung sein. Bei der Stundenplanung werden dann die dafür benötigten Sprachkenntnisse berücksichtigt und sprachliche Hilfestellungen in den Fachunterricht integriert. So können die benötigten Fachbegriffe zum Stundenbeginn vorentlastet und während der Versuchsdurchführung gefestigt werden. Vor der Textproduktion sollten sich die Schülerinnen und Schüler erst einmal mit der Textsorte vertraut machen. Die Merkmale und typische Formulierungen kann man gut anhand eines Mustertextes erarbeiten, bevor ein eigener Text verfasst wird. Zudem kann die Lehrkraft noch eine Teilaufgabe ergänzen, die die Schüler auffordert, ihren Text anhand von Kriterien selbständig oder in Partnerarbeit zu kontrollieren und gegebenenfalls zu überarbeiten. Die Lehrkraft kann den Unterricht zudem so gestalten, dass die Schüler und Schülerinnen viele Möglichkeiten erhalten, sich am Unterrichtsgespräch zu beteiligen, um so ihre Sprachkompetenzen zu erweitern. Kooperative Lernformen sind hierfür besonders geeignet.

Mit Jugend präsentiert möchten wir die Präsentationskompetenz von Schülerinnen und Schülern fördern. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, ihr Wissen verständlich und lebendig an Mitschülerinnen und Mitschüler zu vermitteln. Dabei legen wir unter anderem einen starken Fokus auf Sprache und Aufbau einer Präsentation. Wie können Ansätze aus der Sprachbildung dabei helfen, gute Präsentationen zu halten?

Einer meiner Studenten meinte mal, Sprachbildung ist das, was wir in der Didaktik als guten Unterricht kennengelernt haben. Das stimmt weitgehend, gute Lehrkräfte orientieren ihren Unterricht an den Kompetenzen ihrer Schülerinnen und Schüler und integrieren häufig automatisch sprachbildende Elemente. Auch das Projekt „Jugend präsentiert“ arbeitet bereits sprachbildend, ohne den Begriff zu verwenden. Der Unterschied zu unserer Lehrkräfteausbildung ist, dass die Förderung der Präsentationskompetenz extern und nicht integriert im Fachunterricht stattfindet. Wie ich am Beispiel der Vorgangsbeschreibung vorhin erläutert habe, steht beim sprachbildenden Fachunterricht die gesamte Unterrichtseinheit im Fokus. So findet eine Präsentation innerhalb eines bestimmten Themas statt. Die benötigten fachsprachlichen Strukturen werden also im Vorfeld eingeführt und gefestigt, auch die Informationsrecherche wird didaktisch begleitet. Für das Präsentieren selbst können den Schülern ähnliche Hilfestellungen zugutekommen, wie sie im Projekt umgesetzt werden. Typische Hilfestellungen für Präsentationen im Fachunterricht sind Strukturierungshilfen, das Bereitstellen und Üben typischer Formulierungen, die Beobachtung und sprachliche Reflexion der Präsentationen durch Mitschüler/innen auch unter dem Fokus der Unterscheidung von Alltags- und Bildungssprache. Aber da seid ihr ja die Experten, vielleicht lade ich euch mal zu uns ins Seminar ein.

Bild: © Julia Schallenberg


Kai Liese

Veranstaltungsorganisation/Projektbüro Berlin

 

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