Die Publikumspreis-Gewinnerinnen 2018 auf der Falling Walls

Anna-Lena Brei und Johanna Franke bei den Falling Walls, hier mit Tatjana König.

Ein Interview von Anna-Lena Brei und Johanna Franke // 3. September 2019


Bernhard Schölkopf ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme in Tübingen. Dort forscht er an Methoden, komplexe Daten für maschinelles Lernen zugängig zu machen. Die Publikumspreis-Gewinnerinnen 2018 Anna-Lena Brei und Johanna Franke befragten ihn auf der Wissenschafts- und Gesellschaftskonferenz Falling Walls in Berlin zum Thema Künstliche Intelligenz.

 

Berlin, 09.11.2018

Lieber Herr Schölkopf, Sie befassen sich mit dem Thema der Künstlichen Intelligenz. Was können wir unter Künstlicher Intelligenz verstehen?

Künstliche Intelligenz bedeutet, dass man Computern beibringen will, Dinge zu tun, die normalerweise nur Menschen können.

Der Unternehmer und Milliardär Elon Musk (u.a. CEO von Tesla) sieht in der Künstlichen Intelligenz eine große Bedrohung für die Menschheit und befürchtet sogar, dass die Künstliche Intelligenz den Dritten Weltkrieg auslösen wird. Teilen Sie diese Sorge?

Elon Musk ist kein Wissenschaftler, der sich mit Künstlicher Intelligenz befasst, er ist also kein Experte auf dem Gebiet. Inzwischen gibt es so viel öffentliches Interesse an Künstlicher Intelligenz, dass jeder dazu etwas sagen will. Personen wie Elon Musk stoßen natürlich auf ein starkes öffentliches Interesse. Wenn die solche Sachen sagen, wird das abgedruckt und viel besprochen. Für mich ist das noch sehr, sehr weit hergeholt. Ich mache mir keine Sorgen, dass die Computer in naher Zukunft die Welt übernehmen würden.

Aber es sind dann konkretere Sachen, bei denen man sich schon Sorgen machen müsste: Beispielsweise kann man inzwischen schon Waffensysteme bauen, die nicht mehr von Menschen bedient werden, sondern die von Computern automatisch gesteuert sind. Man könnte zum Beispiel Computer bauen, die eine Drohne kontrollieren, die durch ein Gebäude fliegt und Menschen erkennt und auf diese schießt. Das wäre in der Tat ein Problem, da sind sich die Experten einig.

Der verstorbene Astrophysiker Stephen Hawking war der Auffassung, dass die Künstliche Intelligenz den Menschen insgesamt ersetzen könnte. Glauben Sie, dass wir irgendwann wie die Dinosaurier aussterben und Opfer der Künstlichen Intelligenz werden?

Ich glaube, dass wir irgendwann aussterben, auf jeden Fall. Wenn man sich die Geschichte der Erde ansieht: die gibt es ja schon seit viereinhalb Milliarden Jahren, die Menschen gibt es erst seit sehr, sehr kurzer Zeit. Die Dinosaurier hat es hunderte Millionen Jahre gegeben, die haben also sehr lange überlebt. Im Vergleich dazu gibt es uns Menschen erst sehr kurz. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir dauerhaft bleiben. Irgendwann sterben wir aus. Ich glaube aber nicht, dass das an der Künstlichen Intelligenz liegen wird. Das wird aus ganz anderen Gründen geschehen: weil wir alle Ressourcen verbraucht haben, oder weil wir den Planeten so sehr verschmutzt haben – oder weil wir uns gegenseitig mit Kriegen zerstören.

Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass das an der Künstlichen Intelligenz liegen wird. Es ist natürlich klar, dass momentan die Menschen die Erde dominieren. Der Grund dafür ist nicht, dass die Menschen am stärksten sind, sondern der Grund ist, dass wir am schlausten sind. Wenn es etwas auf der Erde gäbe, was schlauer wäre als wir, dann müsste man sich Sorgen machen, dass dieses Etwas manche Probleme anders lösen wollen würde als wir.

Benutzen Sie Alexa? Wenn ja, warum?

Ja, ich benutze Alexa, weil ich gerade am Verstehen und Ausprobieren bin, was momentan schon alles funktioniert und was noch nicht funktioniert. Ich arbeite mit Künstlicher Intelligenz. Deshalb will ich auch sehen, was zurzeit geht, was möglich ist.

Können Sie uns erklären, woher Amazon weiß, welches Produkt ich noch haben möchte?

Amazon hat Millionen von Kunden, die unterschiedliche Sachen kaufen. Nehmen wir zum Beispiel ein Buch. Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

Twilight von Stephenie Meyer.

Nehmen wir an, es hat sich jemand den ersten Band der Twilight-Saga auf Amazon gekauft. Weil es viele andere Kunden gab, die sich alle Bände gekauft haben, weiß Amazon, dass Sie sich womöglich auch für den zweiten Teil interessieren. Amazon würde da also gar nicht besonders schlau drüber nachdenken, sondern einfach sehen: andere Leute, die das gekauft haben, haben bestimmte andere Sachen auch noch gekauft.

Ehrlich gesagt habe ich so auch schon interessante Empfehlungen zu Büchern bekommen, die vielleicht in Amerika frisch rausgekommen sind und die es in Deutschland noch gar nicht gibt. So kann Amazon Vorhersagen treffen, die manchmal auch überraschend und nützlich sind.

Bald sollen Autos selbstständig fahren können, also Entscheidungen treffen und reagieren, ohne dass der Mensch etwas befiehlt. Wo sehen Sie dabei Risiken, beispielweise für Unfälle?

Diese Systeme werden auf Basis von Trainigsdaten entwickelt. Man fährt mit Autos rum und filmt dabei alles. Es gibt dann Menschen, die hinterher den Film ansehen und ankreuzen: hier war ein Fußgänger, hier war der Bordstein. Wenn man viele solcher Daten hat, kann man den Computer, der das Auto steuert, darauf trainieren, wie man richtig fährt.

Das Problem ist dann, dass die Daten, die der Computer erhält, wenn das Auto tatsächlich nachher fährt, ein bisschen anders aussehen als die Testdaten während des Trainings. Wenn man beispielsweise den Computer beim Training nur auf Fahrten im Sommer trainiert und nachher liegt dann aber Schnee auf der Straße, dann sieht plötzlich alles anders aus und das Auto verhält sich auf der nassen Straße ganz anders. Das wäre dann gefährlich. Deshalb versucht man natürlich, im Training alles abzudecken. Aber das ist natürlich trotzdem schwierig: wenn plötzlich ein Fußgänger auf eine Art und Weise in das Auto reinläuft, die der Computer beim Training nie gesehen hat, dann ist das gefährlich.

Das ist wahrscheinlich auch beim Menschen so. Wenn etwas extrem Unvorhergesehenes passiert, das wir nie vorhergesehen haben, reagieren wir vielleicht falsch. Deshalb hat es auch schon Unfälle beim autonomen Fahren gegeben, und die wird es auch in Zukunft geben. Das wird nie absolut perfekt funktionieren, so wie auch wir Menschen in Gefahren nicht perfekt funktionieren. Die Hoffnung ist natürlich, dass wir irgendwann so weit kommen, dass das autonome Fahren deutlich sicherer ist als das menschliche Fahren und wir damit dann Unfälle vermeiden können.

Was sehen Sie als die größte Chance an der Künstlichen Intelligenz?

Eine große Chance sehe ich für die Medizin. Die Medizin ist eine Erfahrungswissenschaft, Ärzte lernen Dinge im Studium, die in früheren Erfahrungen funktioniert haben. Vielleicht probieren sie auch neue Sachen aus, dann werden Studien in der Pharmaindustrie durchgeführt. Man versucht also herauszufinden, welche Medikamente bei was funktionieren, was man essen sollte, um gesund zu bleiben, und so weiter. Man hat aber nicht wirklich im Detail verstanden, wie solche Prozesse funktionieren, weil der menschliche Körper einfach so kompliziert ist, dass man das nicht komplett versteht. Man muss also aus Erfahrung lernen, welche Behandlungen funktionieren.

Wenn man es nun schaffen würde, die Erfahrung – nicht nur von einem Arzt, sondern vielleicht von Millionen Ärzten – zusammenzufassen und ein System auf Grundlage der Erfahrungsdaten aller dieser Ärzte zu trainieren, dann könnte man zu Diagnosen und Behandlungen kommen, die besser sind. Da bin ich mir fast sicher. Wenn es Krankheiten sind, die sehr selten sind und die ein Arzt vielleicht nur ein- oder zweimal im Leben sieht – wenn man Millionen Ärzte zusammenfasst, dann ist die Krankheit plötzlich nicht mehr so selten. Dann versteht man die Krankheit viel besser und kann bessere Behandlungen empfehlen.

Wird die Künstliche Intelligenz der Menschheit mehr Schaden oder Nutzen bringen?

Ich bin Wissenschaftler, ich muss optimistisch sein: Ich glaube, dass sie mehr nutzen als schaden wird. Wenn man sich die Entwicklung der Technologie anschaut – und für mich ist Künstliche Intelligenz eine Technologie – dann war es meistens so, dass das Leben durch die Entwicklung besser geworden ist. Es gibt Wissenschaftler, die sich mit der Frage befassen. Wir sind heutzutage gesünder, wir leben länger, und so weiter. Deshalb glaube ich, dass es mit der Künstlichen Intelligenz auch so sein wird. Aber deshalb ist es wichtig, dass wir uns mit dem Thema befassen, dass ihr euch dafür interessiert. Wir müssen das auf die richtige Art und Weise gestalten und sinnvolle Sachen damit anfangen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Die Fragen stellten Anna-Lena Brei und Johanna Franke.

Fotos: © Jugend präsentiert