Die dreischwänzige Katze oder Von der Macht der Sprache


Von Jutta Krautter // 25. August 2017


Als ich vor Kurzem nach Literatur zum Thema Argumentation und Populismus gesucht habe, stieß ich auf einen interessanten Aufsatz: In einem Buch über logische Fehlschlüsse und andere argumentative und sprachliche Fallstricke las ich, dass eine Katze durchaus drei Schwänze haben könne. Oder besser, dass es möglich scheine, logisch zu „beweisen“, dass eine Katze eigentlich von Natur aus über sage und schreibe drei Schwänze verfüge. Wie das? Der (Fehl-)Schluss lautet wie folgt:

Eine Katze hat einen Schwanz mehr als keine Katze;

keine Katze hat zwei Schwänze;

also hat eine Katze drei Schwänze.

Eigentlich ganz logisch, oder? Da aber nun eine Katze gewöhnlich über lediglich einen Schwanz verfügt und nicht über drei, scheint an diesem Argument etwas nicht zu stimmen. Nur was? Der gewiefte Logiker weiß es natürlich schon:

Im Grunde zeigt uns dieser Logikscherz die Tücken der Alltagssprache – und warum es relativ einfach ist, mit Sprache nicht nur für Aufklärung zu sorgen, sondern eben auch Verwirrung zu stiften: Sie ist manchmal ungenau und missverständlich, man kann z.B. das Wort „kein“ u.a. wie ein Zahlwort, etwa den unbestimmten Artikel „ein“ verwenden (wie im ersten Satz) oder auch als Bezeichnung einer Nichtexistenz (wie im zweiten): Es existieren keine Katzen mit zwei Schwänzen.

Allerdings kann nicht nur das Wort „kein“ für Verwirrung sorgen: Es gibt eine schier unendliche Anzahl von argumentativen und sprachlichen Fallstricken. Der Rhetorik ist dies seit ihren Anfängen bewusst: Sie klärt darüber auf, macht sich die Unschärfen mitunter aber auch zu Nutze: etwa in Form der sogenannten Sophismen. Man kann allein mithilfe der Sprache eine Minderheit groß und umgekehrt eine Mehrheit klein erscheinen lassen; man kann Behauptungen überhaupt erst ins Bewusstsein bringen und sie wie selbstverständlich und wahr erscheinen lassen, oder auch Fakten völlig unter den Tisch fallen lassen, so dass sie aus dem Bewusstsein verschwinden; die Bedeutsamkeit zum Beispiel eines Landes kann man ins Unermessliche steigen lassen und die anderer Länder in Absprache stellen.

Damit wird auch klar, was die dreischwänzige Katze mit Populismus und Argumentation zu tun hat: Ein Wissen über die Macht der Sprache, über ihre Tücken und Ungenauigkeiten, darüber, dass man aufpassen muss, was man glaubt, ist umso wichtiger, je mehr man das Gefühl hat, dass gerade etwas argumentativ belegt wird, das eigentlich so nicht richtig sein kann.

Keine Katze hat drei Schwänze. Und wenn doch, dann ist etwas schiefgelaufen.

Bild: © Jugend präsentiert


Jutta Krautter

Forschungsstelle // Universität Tübingen