Das Wissen der Riesen


Von Jutta Krautter // 30. Januar 2018


In unseren Trainings kommen wir immer wieder auf die Ursprünge der Rhetorik, die antike Rhetorik zu sprechen. Nur einige Beispiele: Wir verweisen auf Demosthenes, der am Strand stand und gegen die Wellen anbrüllte, um so seine Stimme zu trainieren; wir zeigen, dass schon Cicero die verschiedenen Teile der Rede samt deren Funktion und Wirkung analysiert hat und auch, dass schon damals die große – und (immer noch) häufig unterschätzte – Bedeutung der Wort- und Gedankenfiguren erkannt wurde.

Aber warum eigentlich? Hat dieses Wissen aus der Antike überhaupt noch Geltung? Gab es nicht in der Zwischenzeit einige neue Erkenntnisse, die diese alten Theorien überholt haben und damit obsolet machen?

Schaut man sich zum Beispiel die Metaphernforschung an, dann scheint dieser Einwand zunächst nachvollziehbar: Erst durch den „heute fundamental veränderten Wissenstand über das Funktionieren des Menschen und seines kognitiven Apparates“ (D. Till: „Was ist ‚Kognitive Rhetorik‘?“) war man in der Lage einzuschätzen, welche Vorgänge hinter dem Verarbeiten und Verstehen von Metaphern stecken, und wie tief die Wirkung von Metaphern eigentlich in unseren Denkvorgängen und Konzepten, unseren Weltbildern verwurzelt ist, ja unser Denken formt. So wird etwa die Vorstellung „des Guten“ oft mit „oben“ und die „des Schlechten“ häufig mit „unten“ in eine enge Verbindung gebracht; Metaphern wie „Höhenflüge“, „Hochgenuss“, „Überflieger“, oder umgekehrt, „herunterziehen“, „unterdrücken“ usw. spiegeln das gut wider. Die Wirkungsweise der Metapher scheint sich also mithilfe der Theorie der „konzeptuellen Metapher“ spannender erklären zu lassen als mit Aussagen des ‚Riesen‘ Aristoteles: „Denn gute Metaphern zu bilden bedeutet, daß [sic!] man Ähnlichkeiten zu erkennen vermag“.

Die Frage, ob das antike Wissen durch neue Erkenntnisse obsolet wird, geht aber auf einen Fehlschluss zurück, nämlich den, dass die Moderne den Alten überlegen sei: Als Zwerg steht sie auf den Schultern der Riesen, die Weitsicht und das Wissen ist dadurch größer (eine bekannte und oft genutzte Metapher). Was dabei übersehen wird, ist, dass eine solche, oft auch vermeintliche Weitsicht ohne die antiken Riesen überhaupt nicht möglich wäre, und dass die Riesen nicht nur größer, sondern auch dauerhafter und stabiler sind, während die Zwerge auch gerne mal als Irrtum hinunterfallen. Das Wissensfundament der antiken Rhetorik, das Einsichten zu Wegen hin zu einer guten Rede, deren Bedeutung und Wirkungsweisen enthält, ist also ein Fundament – und mitunter auch mehr als das.

Das antike Wissen um rhetorische Figuren und andere überzeugende, überredende Faktoren der Rede hat nichts an Aktualität verloren, sie haben durch Erkenntnisse, Forschungen neuerer Zeit teilweise sogar an Relevanz dazugewonnen und sind daher ebenso bereichernd. Wir nutzen also, wenn wir in unseren Trainings auf die antike Rhetorik verweisen, das stabile, immer noch gültige Fundament der antiken Rhetorik und machen es zugleich sichtbar.

Bild: © Jutta Krautter


Jutta Krautter

Forschungsstelle//Universität Tübingen